Bewertung - Eine Urne für den Begleiter

Eine Urne für den Begleiter

 

Eine Urne für den Begleiter

Wenn ein Haustier stirbt, ist das für seinen Besitzer schlimm. Als Tierbestatterin muss Lilo Nickolmann richtige Trauerarbeit leisten, «manchmal mehr noch als Humanbestatter», sagt sie. «Weil das Tier einen sehr wichtigen Stellenwert bekommen hat. Es ist fast immer ein Familienmitglied gewesen, ein Sozialpartner – bei vielen Menschen der einzige.»

Die Tierbestatterin aus Wuppertal kann in solchen Momenten nur aktiv zuhören und dank ihrer eigenen Erfahrung mitfühlen. Seit über 30 Jahren hat sie Hunde, Katzen, Kaninchen. Tiere haben ein viel kürzeres Leben als Menschen, der Tod steht häufiger ins Haus. «Und es wird nicht besser, sondern immer schlimmer. Mit jedem stehen die anderen nochmal mit auf», sagt sie.

Wenn ein Tier stirbt, ist sein Weg eigentlich vorgezeichnet: durch die EU-Verordnung 17 74 aus dem Jahr 2002,

«mit Hygienevorschriften für nicht für den menschlichen Verzehr bestimmte tierische Nebenprodukte», wie die Rechtsakte übertitelt ist. Dort erfährt der Tierhalter, der es wissen möchte, was mit seinem Gefährten passiert, wenn er ihn zur Tierkörperbeseitigungsanlage gibt oder dem Tierarzt zur Entsorgung überlässt.

Heimtiere fallen in Kategorie eins der EU-Verordnung - «die hygienisch sensibelste», wie der Geschäftsführer des Zweckverbands für Tierkörperbeseitigung in Sachsen, Christian Rendke, erklärt. Ebenso wie aus Krankheitsgründen getötete, verseuchte und kontaminierte Tiere müssen sie «vollständig als Abfall entsorgt werden», gibt die EU vor. «Sie werden durch einen technischen Sterilisationsprozess keimfrei gemacht, und das dabei entstandene Tiermehl geht in die thermische Verwertung», erläutert Rendke – wird also verbrannt.

Schmieröl oder Kosmetika, wie immer wieder gemunkelt wird, entstehen nicht aus den toten Gefä

hrten, wenn man sie der kostengünstigen Standardentsorgung zuführt. So werden laut EU-Verordnung nur tierische Abfälle der Kategorie drei weiterverarbeitet: Reste aus Schlachtbetrieben oder nicht mehr zum Verzehr geeignete tierische Lebensmittel.

Dennoch ist diese anonyme Entsorgung für die wenigsten Tierbesitzer eine angenehme Vorstellung. «Jeder, der es einmal gemacht hat, macht es nie wieder», sagt Ulrike Mauthe, Vorsitzende des Bundesverbandes der Tierbestatter. In vielen Städten gibt es Sammelstellen mit Containern zur Tierbeseitigung. «Sie machen den Container auf und sehen halb verweste Kadaver», schildert Mauthe das gruselige Erlebnis.

Immer mehr Tierbesitzer suchen deshalb nach Alternativen. Denn die EU-Verordnung lässt in Artikel 24 Ausnahmen zu: Tote Heimtiere dürfen auch durch Vergraben entsorgt werden. «Wenn wir von der Terrasse aufs R

osenbeet schauen, blicken wir auf unseren Tierfriedhof», erzählt Ulrike Mauthe. Zwei kremierte deutsche Doggen, ein Rauhaardackel und diverse Katzen ruhen dort, immer in ihrer Nähe.

Mindestens 50 Zentimeter unter die Erde müsse das Tier gelegt werden, ein 60-Kilo-Hund brauche eine Tiefe von 1,50 Meter - «wie ein Mensch», sagt die Tierbestatterin. Sie empfiehlt, das Grab anfangs mit Steinen abzudecken: «Es ist nicht zu unterschätzen, dass nachts der Fuchs kommt.»

Vergraben in Wald und Flur verboten

Es gibt jedoch Gemeinden, die das Verbuddeln im eigenen Garten untersagen. Auch wenn das Grundstück in einem Natur- oder Wasserschutzgebiet liegt, ist der private Tierfriedhof verboten. Grundsätzlich geahndet wird das Vergraben in Wald und Flur. Bußgelder bis zu 2500 Euro drohen, und gerade bei Hunden ist durch den Mikrochip die Gefahr, entdeckt zu werden, hoch.

Wer keinen eigenen Boden hat, muss also auf einen professionellen Bestatter

zurückgreifen. Ein Gewerbe, das seit etwa fünf Jahren boomt. Dennoch würden noch immer nur maximal fünf Prozent der Heimtiere bestattet, schätzt Lilo Nickolmann, Ulrike Mauthe greift mit 15 Prozent etwas höher. Die gängige Tierbestattung ist die Verbrennung in einem der elf Tierkrematorien in Deutschland. Wenn bei Nickolmanns das Telefon klingelt, müsse sie häufig gleich ins Auto steigen. «Wir holen die Tiere beim Tierhalter ab und bringen sie ins Heimtierkrematorium», schildert sie ihren Berufsalltag.

Hat der Halter sich für eine Einzeleinäscherung entschieden, bekommt er die Asche in einer Urne zurück. Er kann seinen Schäferhund auf den Kaminsims stellen oder die Asche in der freien Natur verstreuen, denn für Tiere herrscht kein Bestattungszwang wie für Menschen. «Tierasche ist chemisch rein, sie sieht aus wie kleine Muschelstückchen», sagt Nickolmann. Zwischen 100 und 300 Euro kostet das die Herrchen – doch gebe es auch in dieser Branche bereits Dumping-

Angebote, wie Ulrike Mauthe naserümpfend bemerkt.

Die kostengünstigere Alternative zur Tierbeseitigungsanlage ist eine Sammeleinäscherung. Mit gut 50 Euro kostet sie nicht viel mehr als die kostendeckenden 20 Euro für die «Abdeckerei» - dafür haben die Besitzer dann auf der Streuwiese am Krematorium einen Ort für ihre Trauer.

Wer doch ein klassisches Grab vorzieht, wir in Nickolmanns Angebot ebenfalls fündig. Die Erdbestattung mache aber nur fünf Prozent ihrer Auftrage aus, sagt die Chefin. Die Liegezeiten betragen zwischen zwei Jahren für Meerschweinchen oder Vögel bis zu vier Jahren für einen großen Hund, der finanzielle Rahmen spannt sich von 100 bis 460 Euro. Doch noch seien Tierfriedhöfe dünn gesät, sagt Ulrike Mauthe, und anstatt Strecken von 100 Kilometern zurücklegen zu müssen, greifen die meisten auf die Urne zurück. «Die Einstellung der Menschen zum Tode spielt eine große Rolle. Oft wählen die Halter auch eine Kremierung, weil sie für sich selbst e

ine Feuerbestattung im Hinterkopf haben – sie wollen das ihrem Tier auch gönnen», sagt Lilo Nickolmann.

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Tierbestattung - Eine Urne für den Begleiter